Innenfotos bei jedem Wetter?

Aktualisiert: 9. Dez. 2018

Sicher haben Sie schon einmal davon gehört, dass man Menschen besser nicht in der prallen Mittagssonne fotografieren sollte, oder? Andernfalls drohen harte, unansehnliche Schatten, zusammengekniffene Augen und eine generelle Tendenz unvorteilhaftere Merkmale der abgelichteten Person hervorzuheben. Der Fotograf spricht deshalb von schlechtem, harten Licht und weicht gerne auf die so genannte "Goldene Stunde" aus. Darunter versteht man die Zeit unmittelbar vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang. Das um diese Tageszeit herrschende warmweiche Licht (aufgrund des flachen Winkels der Sonneneinstrahlung) gilt als schmeichelnd und einfach zu handhaben.


Nun, wie sieht es diesbezüglich mit Innenaufnahmen aus? Indoor spielen das Wetter bzw. die Lichtverhältnisse im Freien ja keine Rolle oder? Die Antwort darauf ist ein klares "Jein", denn zu 100 % trifft dies nur auf absolut fensterlose Räumlichkeiten zu (oftmals z.B. kleine Badezimmer, Saunen etc.). Überall sonst diktiert Mutter Natur zumindest tagsüber auch im Haus das Licht. Natürlich lässt sich mit technischen Hilfsmitteln (Blitzlicht, Kunstlicht, künstliche Verdunkelung, spezieller Nachbearbeitung der Fotos) viel verändern bzw. ausgleichen, aber es sollte immer die Grundregel sein, MIT dem natürlichen Licht und nicht dagegen zu fotografieren. Da ein abendlicher Gewittersturm logischerweise ein anderes Licht (nicht notwendigerweise schlechter) als ein sonniger Vormittag erzeugt, würde ein und dasselbe Zimmer jeweils komplett anders wirken. Deshalb gilt es sich im Vorfeld Gedanken zu machen welche Stimmung bzw. welchen Charakter ein bestimmter Raum ausstrahlen sollte und welche Tageszeit/welches Wetter dies am besten unterstützt (Kaminfeuer und Kerzenlicht zu gleißend hellem Sonnenlicht wäre wohl eher suboptimal).


Und in der Realität? Eine Schritt für Schritt Anleitung

Die Suite bei einem schönen Sonnenuntergang, das Restaurant bei starkem Schneefall und Zimmer 4 unbedingt mitten im Herbst, wenn die gefärbten Laubbäume durchs Fenster am besten zur Geltung kommen…?! Klingt gut ist aber natürlich in 99 % der Fälle völlig unrealistisch. Meist stehen 2, 3, vielleicht 4 Tage zur Verfügung (plus meist auch außerhalb der jahreszeitlichen Hauptsaison) um ein ganzes Hotel zu fotografieren. Trotzdem lässt sich auch in diesem beschränkten Zeitraum einiges machen:

1. Tageslicht oder Dämmerung Als Erstes sollte man sich überlegen ob ein bestimmter Raum bzw. welche Räume eher bei Tag oder eher in der Dämmerung fotografiert werden sollen. Da die Dämmerungsphase (Blaustunde) im Vergleich zur Tageslichtphase sehr kurz ist, liegt es in der Natur der Sache, dass nur eine sehr begrenzte Anzahl an Dämmerungsfotos möglich ist. Umso wichtiger ist es also die Räumlichkeiten mit dem größten Potenzial zu finden.

Bei diesem Zimmer im Van der Valk Hotel Hildesheim wählte ich bewusst aus mehreren Gründen die Abenddämmerung: Zunächst einmal wirkt die tolle Aussicht auf den mittelalterlichen Marktplatz von Hildesheim, mit all den beleuchteten Fenstern, einfach um einiges besser als Untertags. Auf diese Art schafft man auch ein Foto was nicht nur das Zimmer, sondern die Lage des Hotels und die generelle Atmosphäre verkauft - ein wahrer „Eye-Catcher“ (link)! Darüber hinaus spricht auf die farbliche Gestaltung des Raums für ein Foto am Abend, da die verwendeten Gelb- und Grautöne gewissermaßen die abendliche Szene widerspiegeln (Gelb = Laternen und erleuchtete Fenster, Grau = Dunkel des Abends, Straße, Himmel). Zu guter Letzt ist es auch praktisch, wenn man durch ein Dämmerungsfoto die im Zimmer zahlreich vorhandenen Lampen zur Geltung bringen kann.

2. Das eine Foto um 15:23

Als Nächstes stellt sich die Frage ob es irgendwo bestimmte Kompositionen gibt, die nur zu einer ganz bestimmten Uhrzeit Sinn machen (z.B. Sonne scheint direkt durch Fenster, Vollmond, etc.). Mithilfe einer speziellen App (Lumos), die mir den Sonnenstand genau vorhersagt, wusste ich zum Beispiel im Vorhinein, wann die Sonne direkt auf diese Badewanne im Seehotel Amtshof (Bodensee) scheinen würde.

3. Aussicht zeigen oder nicht zeigen, das ist hier die Frage Nachdem jetzt die Spezialfälle erledigt sind, widmen wir uns den restlichen 80 %, also jenen Fotos, die im Laufe des Tages entstehen.

Hier ist die große Frage, ob man die Aussicht aus den Fenstern zeigen möchte oder nicht, aka ist die Aussicht ein Verkaufsargument (weil z.B. Seeblick, Blick auf Berge etc.) oder eher ein unvermeidliches Übel (z.B. Blick in anderes Haus, Blick auf Müllberg usw.)? Trifft Letzteres zu, überbelichte ich die Fenster so weit, dass nur noch dezente Konturen sichtbar sind (siehe Bild wo). Dieses Stilmittel kann aber auch in Fällen genutzt werden, wo die Aussicht eigentlich gut ist, aber die Einrichtung durch den hellen, frischen „High Key Look“ besser zur Geltung kommt.


4. Ohne Fenster Schlussendlich kann es auch sein, dass viele Kompositionen ohne Fenster einfach besser funktionieren (vielfach wirkt ein Raum von den Fenstern weg fotografiert besser als in die andere Richtung). In diesem Fall ist man ziemlich flexibel, was die Tageszeit angeht, da die Ausleuchtung sowieso künstlich (Blitz) erfolgt.

Dieses Foto entstand zum Beispiel während der Abenddämmerung und trotzdem entschied ich mich diese nicht all zu sehr mit einzubeziehen. Die Fenster (direkt hinter der Kameraposition) wurden abgedunkelt (damit kein ungewolltes blaues/gelbes Licht hereinkommt) und das Zimmer anschließend mit ungefähr 5 verschiedenen Blitzbelichtungen aufgehellt. In der Nachbearbeitung fügte ich dann dieses Blitzbelichtungen mit denen vom Umgebungslicht (in dem Fall die Nachtkästchen Lampen) zusammen und korrigierte die Farben der einzelnen Objekte. Heraus kommt ein Foto, dass schlicht und aufgeräumt wirkt und die Inneneinrichtung ins Zentrum rückt (und nicht die Outdoor Stimmung).







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